Potosi und seine Minen - 24.09.2003 (2)
Hi Ihr Lieben!
und schon wieder Nachricht von mir - gewoehnt Euch
nicht an die kurzen Abstaende! Aber dieses Land
ist sehr interessant - und NOCH ist es mir hier immer
wieder zu kalt, um nicht den Aufenthalt in einigen
Internet-Cafes zu geniessen...
Zur aktuellen Lage
Meine letzte Mail endete mit La Paz und den
Protestmaerschen dort gegen das Vorhaben der
Regierung, Erdgas an Chile zu exportieren. Inzwischen weiss ich auch,
warum laut Umfragen 58% der Bevoelkerung insgesamt und sogar 70%
der Menschen Westboliviens gegen den Erdgas-Export sind: Ein
zentraler Grund verbirgt sich dahinter, dass Bolivien im letzten Krieg (1879-1884)
seinen einzigen Zugang zum Meer an Chile verloren hat... Dies haben viele
Bolivianer/innen den Chilen/innen bis heute nicht verziehen - auch, da der
fehlende Meerzugang die bolivianische Wirtschaft beeinträchtigt.
Wenn nun Erdgas via Pipeline über einen chilenischen Hafen verschifft wird, verdient Chile
an Boliviens Erdgasverkauf beträchtlich mit. Dies stößt auf Ablehnung.
Ausserdem hat Bolivien schon so viele Rohstoffe zur Kolonialzeit verloren
oder später gegen so wenig wirtschaftlichen Gegenwert exportiert,
dass in der Bevölkerung klares Misstrauen herrscht. Statt weiteren
Ausverkaufs letzter Landesressourcen solle das Erdgas eher in die
Industrialisierung Boliviens investiert werden...

Proteste vor der Kathedrale in Potosi
Das scheint Euch alles vielleicht nicht so wichtig.
Hier wird das aber durchaus zum Anlass fuer viele
Protestmaersche und Strassenblockaden... Natuerlich
liegen die Gruende auch noch ganz woanders:
Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Integration der
Indios und ein Praesident, der insbesondere seine
eigenen Interessen zu verfolgen scheint. Gonzalo Sanchez de Lozada
ist Besitzer einer der groessten Silberminen Potosis, zieht
daraus sehr viel Geld, schert sich angeblich aber nicht im
Geringsten um die Arbeitsbedingungen... Kinderarbeit,
eine sehr hohe Sterberate und Ähnliches interessieren
ihn nur mal kurz, wenn dies fuer seinen Wahlkampf
wichtig ist. De Lozada wurde letztes Jahr zum
Praesidenten Boliviens gewaehlt und zeigt - nach
Aussagen einiger hier - aber wenig
Gespraechsbereitschaft oder diplomatisches Geschick,
sondern schicke bei Aufruhr und Streitigkeiten gleich
das Militaer zum Einsatz.
So eskalierte auch im Februar
eine Lohnprotest-Demonstration von Polizisten, als De Lozada
direkt das Militaer einschaltete. Über 13 Tote, 89 Verletzte und die Verwüstung
des Arbeitsministeriums waren die traurige Bilanz der Volksrebellion,
die sich gegen neue Budgetvorschläge und Steuergesetze richteten, die die
Regierung zur Erfüllung von IWF-Vorgaben umsetzen wollte.
POTOSI UND SEINE MINEN
Bin Sonntag um 8.30 p.m. in La Paz gen Potosi
gestartet und dort morgens gegen halb sieben Uhr
gelandet. Der Bus hatte zwar fuer mich anatomisch
etwas suboptimale - aber immerhin! - Liegesitze, aber
keine Toilette... Das hat "olifaktorisch" seine Vor-
und Nachteile. Dafuer machten wir irgendwann nachts
mal eine Pause...
Inzwischen haben Strassenblockaden dazu gefuehrt, dass
einige Nachtstrecken von La Paz aus voruebergehend
ausgesetzt sind... mein Aufbruch-Zeitpunkt lag recht
guenstig...
Potosi liegt zwischen 4.090 (lt. Reisefuehrer) und
4.500 m (lt. Taxifahrer) hoch und ist angeblich mit
seinen ca. 150.000 Einwohner/innen die hoechstgelegene
Stadt der Welt. Potosi hat eine ziemlich tragische
Geschichte. Da dort 1545 Silber entdeckt wurde, haben
die Spanier dort gleich eine Stadt gegruendet. Dort
wird inzwischen seit ueber 400 Jahren Silber abgebaut.
Ende des 18. Jahrhunderts war Potosi war eine der
weltweit reichsten und groessten Staedte. Das Silber,
das die Spanier dort rauszogen, haette angeblich
ausgereicht, um damit eine Bruecke von Bolivien nach
Spanien zu bauen.. und immer noch Silber darauf
transportieren zu koennen... Im fruehen 19.
Jahrhundert kam der Einbruch, viele der ueber 80
Kirchen (!) wurden zerstoert... Inzwischen wird in
dieser Stadt neben letzten Silbervorkommen auch Zinn,
Kupfer, Zink und Blei abgebaut.. Seit 1987 gehoert
Potosi zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Silberminen-Berg Cerro Rico in Potosi
Wie mir gestern ein Tourfuehrer erzaehlte, liegt das
durchschnittliche Lebensalter in Potosi bei ca. 56
Jahren (bei uns liegt es bei ueber 80 Jahren!). Die durchschnittliche
Lebenserwartung beträgt, seinen Aussagen zufolge, gerade mal
35 Jahre!! Dies sei insbesondere darauf zurück zu führen, dass
juengere Minenarbeiter nicht vorsichtig genug seien
(in Felsspalten stuerzen, giftige Gase oder Erdrutsche
nicht rechtzeitig erkennen,...) und Aeltere an der Lungenkrankheit
Silikosis oder Lungenkrebs sterben...
Soweit schon mal zu den "lebensfreundlichen" Bedingungen
hier fuer diejenigen von Euch, die mit mir dieses Land
besser kennen lernen wollen... Lese grad fast
taeglich Zeitung... das kommt meinem Sprachschatz
erheblich zugute und verschafft mir einen ganz guten
Ueberblick ueber die aktuellen Entwicklungen hier...
ODYSSEE UNTERKUNFT
In dieser Stadt marschierte ich - dank eines Tipps
meiner netten Busnachbarin - zunächst zum Hotel La
Plata neben dem Busbahnhof... Als diese sich jedoch -
entgegen der Aussagen meiner Busnachbarin - mangels
Einzelzimmer weigerten, mir preislich bei einem
Doppelzimmer etwas entgegen zu kommen und beim "Preis für zwei"
blieben, heuerte ich ein Taxi
und fuhr aufwaerts gen Zentrum. Mein leider etwas
veralteter Reisefuehrer hatte mir dort ein anderes
guenstiges Hotel empfohlen. Es erwies sich als richtig "nobel"... mit
eigenem Bad, Fernseher - allerdings keinem dollen
Ausblick. Solch ein Luxus war mal wieder Doppelzimmern
vorbehalten. Nach relativ kurzer Zeit stellte ich in
diesem Zimmer allerdings fest, dass es dort ohne
Heizung doch richtig kalt war, dass die Dusche
(angeblich 24 Stunden warmes Wasser) gar nicht
funktionierte und aus dem Handwaschbecken auch nur
Eiswasser kam. Eine nette dort putzende Frau fand nach
einigem Ausprobieren immerhin ein Zimmer, in dem die
Dusche funktionierte und bot mir dies als
Uebergangsloesung an... Und wenn ich wieder kaeme, sei
dann auch meine Dusche repariert. Die Frau am Empfang erklärte mir,
es seien grad Umbauarbeiten zu Gange...
Ich verzichtete auf Dusche und verschwand erstmal...
fruehstuecken, mailen... dann eine andere Unterkunft
anschauen.... Dort kostete ein winziges Einzelzimmer
mit rustikalem Gemeinschaftsbad und sonnigem Innenhof
nur knapp die Haelfte - und das Ganze war mir gleich
viel sympathischer. Angeblich war bei meiner Rueckkehr
die Dusche wirklich schon repariert. Dennoch sagte ich
der armen, dort die Stellung haltenden Putzfrau, dass
mir das Zimmer zu frostig sei und dass ich was fuer
mich Geeigneteres gefunden haette... Ich hinterliess ihr
noch Geld fuer die Gepaeck-Aufbewahrung und quartierte
mich in Residencial Felcar ein. Auch dieses Zimmer ist natürlich
kühl aber dank meines warmen Schlafsacks schlafe ich dort
wirklich gut... zumindest so lange, bis mich morgens die im
Innenhof fruehstueckenden Touris wecken... In meinem
Fensterchen zum Hof fehlt eine Scheibe,
aber wozu kleinlich sein.. :-)
Kaempfe zum Glueck hier grad weniger mit Hoehe und
Kaelte als befuerchet...aber mein Dauerschnupfen nervt
doch etwas... Teste grad die bolivianischen Apotheken
:-)
ALPTRAUM MINENARBEIT
Hab mich gestern der Besichtigung einer Silbermine
angeschlossen. In dieser als Kooperative gefuehrten
Mine werden die Arbeitsbedingungen von niemand
ueberwacht. Arbeitsausstattung und Arbeitszeit (8-12
Stunden mindestens 6 Tage die Woche - ohne jeglichen
Urlaub) ist Sache der Minenarbeiter. Kinder fangen
dort als Zuarbeiter teilweise schon mit 12, 13 Jahren
an und arbeiten dort dann offiziell ab dem Alter von
15 Jahren. Unsere Gruppe bestand aus einer englischen
und einer spanischen Dreiergruppe, die sich immer mal
wieder an bestimmten Stellen traf. Wir waren zunaechst
mit gelber Schutzkleidung, Gummistiefeln, Helm und
Lampe ausgestattet worden und hatten auf einem Markt
Mitbringsel (Cocablaetter, Katalysaltoren dazu,
Zigaretten, Soft Drinks und auf Wunsch auch
Dynamit)fuer die Minenarbeiter erstanden. Dann ging es
in die Mine selbst.

Babette vor dem Abstieg in die Mine
Die Minengaenge waren ueberwiegend
kuehl und feucht. Einige Gaenge waren so niedrig, dass
wir laengere Zeit gebueckt gingen oder sogar mal
Durchgaenge durchkrochen. Auf- und Abstieg zwischen
den Ebenen waren - machbare - Kletterpartien.
Wir besichtigten dort auch "Tio", eine Teufelsfigur,
die fuer die Minenarbeiter eine besondere Bedeutung
hat. Unabhaengig davon, dass viele dort wohl der
katholischen Kirche angehoeren, ist die Mine selbst
wohl Domaene des Teufels, der als "Tio" (Onkel - hier
eher als Kumpel) bezeichnet wird und immer wieder mit
Gaben wohl gesonnen gestimmt wird. Cocablaetter,
96%iger Alkohol (den die Arbeiter auch selbst trinken)
und Zigaretten werden dort immer wieder deponiert...
und Tio raucht die Zigaretten wirklich... Tut er dies
nicht, ist das ein schlechtes Zeichen. Und die
Arbeiter kommen waehrend Explosionen wohl immer wieder
hin, um ihre im Mund zur Kugel geformten Cocablaetter
gegen neue zu tauschen... Einer der sehr netten
Minenarbeiter, den wir dort trafen, war inzwischen 40
Jahre und arbeitete schon seit 25 Jahren in Minen. Er
zeigte uns, wie eine Explosion vorbereitet wurde: Die
in den Felsen gehauenen Loecher wurden mit erst
Dynamit, dann einem Katalysator, dann Erde gefuellt...
dann gezuendet. Er machte 3 Explosionen pro Tag,
andere wohl nur 1 oder 2... und schaffte es wohl so,
dem Berg alle zwei Wochen 8 Tonnen Mineralien
abzutrotzen. Andere brauchten dazu wohl 4 Wochen...
die Frauen, die die gemischten Restmineralien auf
Verwendbares abklopften, brauchen dafuer wohl 5 bis 6
Monate...

Explosionsvorbereitungen
Dies als Eindruck fuer Euch...
Nachdem ich vorgestern und gestern abend ein nettes
Cafe entdeckt habe, das von sehr netten
Bolivianerinnen gefuehrt wird, gefaellt mir diese
Stadt immer besser... wenn mir das Klima auch immer
noch nicht wirklich gefaellt... Werde wohl morgen zu
den Salzseen von Uyuni weiterziehen... Dorthin sind
derzeit keine Strassenblockaden in Sicht...
Habe heute in der Zeitung gelesen, dass der deutsche
Botschafter derzeit von Reisen nach Bolivien abraet...
Macht Euch aber bitte trotzdem keine Sorgen um mich...
Ich verfolge die aktuelle Situation und verspreche,
gut auf mich aufzupassen!!!
Mir macht eher Sorgen, dass der Verschluss meiner
Kamera grad dabei ist, sich zu verabschieden, und die
Gefahr besteht, dass ich eine Zeitlang nicht
fotographieren kann. Das faende ich richtig mies....
BOLIVIANISCHE INTERNET-CAFES
Noch ein kleiner Absatz zu Internet-Cafes, damit Ihr
Euch eine kleine Vorstellung machen koennt, wo ich
hier so sitze... Also: Es gibt diese Cafés in
unterschiedlichsten Formen: Bisher war ich solche
"Cafes" als kleine oder etwas groessere Raeume
gewoehnt, in denen es zwar mehr oder weniger schnelle
PCs mit mehr oder weniger augenkillenden Monitoren
gibt.. Inzwischen habe ich aber auch andere Exemplare
kennen gelernt, in denen es sogar ein wirkliches Café
mit Bewirtung - teilweise sogar Fruehstueck - gibt.
Heute scheine ich "besonderes Glueck" zu haben: Nachdem ich
mir bei ersten Mails doch ziemlich die Augen verbogen hatte und
spaeter aus der urspruenglich angenehmen Musik immer wieder
Radiorauschen wurde, schreibe ich diese Mail nun unter wirklich
"verschaerften Bedingungen": Gegenueber wird saniert und es droehnt
immer wieder ein lauter Betonbohrer durch die offene Tuer. Der
Administrator versuchte dies immer wieder mit lauter Powermusik
zu uebertoenen.. und zur Kroenung bin ich seit 20 Minuten rechts und
links von drei kleinen Jungs umringt, die aetzende Kriegsspiele
spielen und dies immer wieder lauthalsig
kommentieren... Der einzige Vorteil: Bildschirm und
PC-Schnelligkeit sind doch relativ gut hier...
Dennoch: jetzt nix wie raus hier!
Also nochmal: Macht Euch bitte keine Sorgen. Bin grad
in keinem der blockierten oder gefaehrdeten Gebiete
unterwegs..- und mir gehts taeglich besser... :-)
Ganz liebe Gruesse an Euch alle!
Babette